Pflegebedürftigkeit ist ein ernstzunehmendes Risiko. Dennoch führen Produkte zur Pflegefallabsicherung ein Schattendasein. Mit Pflege-Bahr soll sich dies ändern. Zudem verbinden neue Produktlösungen clever den Schutz im Pflegefall mit anderen Versicherungsprodukten.  

Zu Beginn des Jahres wurde mit Pflege-Bahr die Förderung eines privat zu versichernden Pflegemonatsgeldes eingeführt. In den Medien sind Berichte über die Kostenfalle Pflege oder über Kinder, die für die Pflege ihrer pflegebedürftigen Eltern aufkommen müssen, omnipräsent. Dennoch finden Versicherungsprodukte zur Pflegefallabsicherung bisher keinen reißenden Absatz. Die Menschen tun sich schwer mit dem Thema Pflege und scheinen es gerne zu vermeiden, den Tatsachen ins Auge zu blicken und sich damit abzufinden, dass das Risiko, selber zum Pflegefall zu werden, sehr hoch ist.

Auch bei Vermittlern ist die Pflegebedürftigkeit nicht ganz oben auf der Agenda. Eine Studie der YouGov im Auftrag der HDI Lebensversicherung AG vom Mai 2013, die unter selbständigen Maklern durchgeführt wurde, zeigt,  dass ein Drittel aller Makler das Risiko des Pflegefalls im Kundengespräch ganz oder teilweise außen vor lassen. Dabei liegt der Bedarf auf der Hand. Aktuell sind laut statistischem Bundesamt in Deutschland 2,5 Millionen Menschen pflegebedürftig. Bis 2030 soll die  Zahl der Pflegebedürftigen auf 3,4 Millionen steigen. Von den derzeitig Pflegebedürftigen werden 750.000 in Pflegeheimen vollstationär betreut. Über zwei Drittel der Pflegebedürftigen,  ca. 1,76 Millionen, werden zu Hause versorgt. Ein Großteil der zu Hause versorgten Menschen, insgesamt fast 1,2 Millionen, wird dabei vor allem durch Angehörige gepflegt.

Ab einem Alter von 80 Jahren ist fast jeder Dritte pflegebedürftig. Basierend auf diesen Zahlen müsste die private Pflegeversicherung als „Must-Have“ gelten, wie etwa die Haftpflichtversicherung. Gesetzgeber und Produktgeber haben diesen Missstand erkannt und bieten insbesondere seit diesem Jahr Anreize, um dem Versicherungsschutz gegen Pflegebedürftigkeit neuen Antrieb zu verleihen.

Pflegefall gesetzliche Pflegeversicherung
Mit den geförderten Pflege-Bahr Produkten sollte die gesetzliche Pflegeversicherung reformiert werden und ein Teil der nötigen Absicherung über privat zu finanzierende Produkte erbracht werden, ähnlich dem Riester-Modell in der gesetzlichen Rentenversicherung. Dennoch sind Probleme in der gesetzlichen Pflegeversicherung nach wie vor allgegenwärtig. Immer mehr ältere Menschen stehen als Leistungsempfänger einer sinkenden Anzahl von Beitragszahlern gegenüber. Dieses Ungleichgewicht führt zu einer Unterfinanzierung der Pflegeversicherung. Besser werden die Aussichten nicht. Der demografische Wandel führt zu einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung. Hinzu kommt, dass durch den medizinischen Fortschritt die Dauer der Pflegebedürftigkeit immer weiter ansteigt.

Die gesetzliche Pflegeversicherung unterscheidet im Wesentlichen drei Kategorien, nach denen sich die Leistungen bemessen, die so genannten Pflegestufen. Die Höhe der Zuwendungen ist zudem davon abhängig, ob der Pflegebedürftige durch einen professionellen Dienstleister, durch Angehörige oder in einem Heim versorgt wird. Für Pflegestufe I werden bei der stationären Pflege bis zu 1023 Euro gezahlt, für Pflegestufe II bis zu 1279 Euro und für Pflegestufe III bis zu 1550 Euro. In besonders schweren Fällen kann die Leistung bis zu 1918 Euro betragen.

Darüber hinaus ist eine Leistung in der so genannten Pflegestufe Null vorgesehen. Diese Leistung soll sich insbesondere an Personen richten, die eine erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz besitzen, auch wenn die Voraussetzungen für eine Pflegestufe I bis III nicht vorliegen. Bei Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, kann dies beispielsweise der Fall sein. Die Leistung beträgt im Normalfall einen Betreuungsbetrag von 100 Euro, der Anspruch kann  bei einem hohen Betreuungsaufwand auf 200 Euro ansteigen. Darüber hinaus besteht Anspruch auf Pflegegeld in Höhe von 120 Euro. Während Pflege-Bahr-Tarife bei der Pflegestufe Null ebenfalls mit 10% des Pflegemonatsgeldes eine überschaubare Leistung bringen, leisten Anbieter von nicht geförderten Pflegetagegeld-Tarifen oder Pflegerenten im Falle einer Altersdemenz deutlich mehr.

In der Kostenfalle
Ein Pflegefall wird schnell zur Kostenfalle. Brisant ist im Pflegefall, dass die Höhe der entstehenden Kosten nicht vorhersehbar ist, da niemand weiß, wie lange der Betroffene pflegebedürftig sein wird. Vor allem die Kosten bei der Unterbringung in einem Pflegeheim sind sehr hoch. Die monatlichen Kosten vollstationärer Pflege in Pflegestufe III liegen gemäß aktueller Pflegestatistik der Barmer Ersatzkasse im Durchschnitt bei 3.260 Euro in Nordrhein-Westfalen. Nach Abzug der Vorleistung der gesetzlichen Pflegeversicherung in Höhe von 1.550 Euro bei Pflegestufe III würde eine Lücke von ca. 1.700 Euro im Monat entstehen. Nach nur fünf Jahren Pflegebedürftigkeit summiert sich die Belastung auf über 100.000 Euro. Die Kostenfalle ist zugeschnappt. Wer Wert auf besonders gute Unterbringung in höherwertigen Heimen legt, muss noch mit wesentlich mehr Kosten rechnen. Die Kostenfalle lässt keinen Ausweg zu. Haben die Pflegekosten das gesamte vorhandene Vermögen aufgezehrt, müssen Kinder oder ihre Angehörigen für die Pflegekosten aufkommen. Schon heute führt die Pflegebedürftigkeit dazu, dass in Deutschland 40% aller Pflegebedürftigen zum Sozialfall werden. Nur die private Absicherung für den Pflegefall schützt vor unvorhersehbarer Kostenbelastung.

Die Pflege-Förderung
Seit Januar gibt der Staat jedem, der eine private Pflegemonatsgeldversicherung – auch „Pflege-Bahr“ genannt – für mindestens zehn Euro im Monat abschließt, fünf Euro im Monat dazu. Wie üblich bei vom Gesetzgeber eingeführten geförderten Produkten stößt das Konzept des Pflege-Bahr allerorts auf Kritik. Als Grundbaustein, um zumindest einen Teil der Versorgungslücke im Pflegefall zu schließen, kann die Produktvariante jedoch durchaus sinnvoll sein.

Die Tarife müssen in Pflegestufe III mindestens eine Leistung von 600 Euro vorsehen. Das ist natürlich bei Weitem nicht ausreichend, als Baustein für den weiteren Aufbau durch ergänzende Produkte aber gut einsetzbar. Mindestleistungen in Pflegestufe II sind 30% der Leistung in Pflegestufe III, 20% in Pflegestufe I und  10% in Pflegestufe Null. Versicherer können diese Mindestleistungen erweitern und mit ihren Pflege-Bahr-Produkten höhere Leistungen anbieten. Viele  Versicherer bieten Aufbauprodukte direkt im Paket mit Pflege-Bahr an. Diese Produkte erhöhen die monatlichen Leistungen im Pflegefall. Meistens werden diese Aufbauangebote mit vereinfachter Gesundheitsprüfung angeboten. Ein Vertragsabschluss ohne Gesundheitsprüfung ist aber nur bei den Standard-Pflege-Bahr-Tarifen möglich. Hierin wird auch die Hauptproblematik bei den geförderten Pflegetarifen gesehen. Schließen viele Kranke diese Verträge ab, dürften die Beiträge in Zukunft stärker ansteigen als in nicht geförderten Tarifen. Hinzu kommt eine Wartezeit von 5 Jahren, die nicht außer Acht gelassen werden sollte.

Pflegerenten und Pflegetagegeld
Eine gute Möglichkeit zur Vorsorge für den Pflegefall sind Pflegerenten- oder Pflegetagegeld-Angebote. Diese Produkte sorgen für die benötigten finanziellen Mittel im Pflegefall. Die Höhe der versicherten Leistung orientiert sich an der Pflegestufe. Bei vielen Pflegerenten sind die Leistungen je Pflegestufe flexibel gestaltet  und frei wählbar. Pflegetagegeld-Tarife bestimmen die Leistungshöhe meist prozentual je Pflegestufe, ähnlich wie beim staatlich geförderten Pflege-Bahr. Flexible Tarife ermöglichen dem Versicherten exakt zu bestimmen, wie viel Leistung für die jeweilige Pflegestufe unter Berücksichtigung der Renteneinkünfte, bestehendem Vermögen und der Pflegekosten in der jeweiligen Region benötigt werden. Ein Vorteil bei Pflegerenten und Pflegetagegeld ist die Leistung bei Vorliegen von Demenz. Die Einstufung erfolgt meist nach gängigen Demenzbeurteilungsskalen oder orientiert sich an Pflegestufe Null. Die Höhe der Rentenleistung bei Vorliegen einer Demenz und die Bestimmung der Demenz unterscheiden sich je Tarif. Wer viel Wert auf diesen Aspekt legt, sollte die Bedingungswerke genau unter die Lupe nehmen. Pflegerenten haben gegenüber dem Pflegetagegeld die Besonderheit, dass die Beiträge stabil sind und sich über die Vertragslaufzeit hinweg nicht ändern. Bei Pflegetagegeldversicherungen steigen die Beiträge mit der Zeit an. In Folge dessen sind die Beiträge für Pflegerenten deutlich höher als für Pflegetagegeldversicherungen, bringen aber mehr Planungssicherheit mit sich, da sie nicht weiter ansteigen. Überschüsse, die der Versicherer erwirtschaftet, erhöhen im Leistungsfall die Höhe der Pflegerenten.

Innovativer Zusatzschutz im Pflegefall
Derzeitig wirbeln neue innovative Produktkonzepte den Markt der Pflege-Angebote auf. Diese Produktlösungen kombinieren Rentenversicherungsprodukte oder Berufsunfähigkeitsversicherungen mit zusätzlichem Schutz im Pflegefall.

Mehrere Versicherer bieten bei ihren Rentenversicherungen in allen drei steuerlichen Schichten eine Erhöhung der Altersrente an, sofern Pflegebedürftigkeit vorliegt. Wichtig ist bei diesen Angeboten, dass der Versicherer die erhöhte Leistung auch erbringt, wenn der Versicherte nach Rentenbeginn zum Pflegefall wird, da ein Eintritt der Pflegebedürftigkeit vor Rentenbeginn eher selten vorkommt. Vorteilhaft an dieser Variante zur Erhöhung des Pflegefallschutzes sind die überschaubaren Kosten der zusätzlichen Absicherung und der Verzicht auf eine Gesundheitsprüfung. Eine Leistung erfolgt in der Regel ab Pflegestufe I oder ab 3 ATL. ATL steht für „activities of daily living“, also Tätigkeiten des täglichen Lebens und beschreibt einen Punktekatalog, in dem Tätigkeiten aufgelistet sind, die nicht mehr ohne fremde Hilfe ausgeführt werden können. In dem Punktekatalog werden sechs verschiedene Tätigkeiten des täglichen Lebens beschrieben. Die Pflegestufe I entspricht auch bei anderen Pflegeprodukten meist 3 ATL, sprich drei Tätigkeiten des täglichen Lebens, die nicht mehr alleine ausgeführt werden können. Neu am Markt sind Pflegeoptionen in Rentenversicherungen, die bereits ab 2 ATL leisten. Ebenfalls selten ist die Leistung bei Vorliegen einer Demenz bei diesen Produkten. Auch hier finden sich aber einige wenige Angebote am Markt. Aktuell bietet ein Versicherer sogar eine Verdopplung der Altersrente im Pflegefall an, unabhängig vom Eintrittsalter der Pflegebedürftigkeit (basierend auf derzeitigen Kalkulationsgrundlagen). Gute Angebote ermöglichen steigende Renten nach Altersrentenbeginn, auch wenn die zusätzliche Pflegeoption greift. Eine  vereinbarte Todesfallleistung in der Rentenphase sollte idealerweise auch bei Eintritt der Pflegebedürftigkeit erhalten bleiben.

Pflegerente heute sichern
Andere Produktkonzepte ermöglichen es Sparern bei ihren Altersvorsorgeprodukten zum Rentenbeginn eine Pflegerente nach dann gültigem Tarif abzuschließen oder einen Teil des zur Verfügung stehenden Kapitals in eine Pflegerente umzuwandeln. Eine Gesundheitsprüfung entfällt in diesem Fall, die Höhe ist meistens auf 1.500 Euro Pflegerente begrenzt. Auch diese Variante bietet Versicherten die Chance, einen kleinen Grundstein beim Thema Pflegeschutz zu setzen, allerdings muss der Versicherte in diesem Fall später selber aktiv werden, um den Pflegeschutz zu erhalten.

BU und Pflege kombinieren
Auch im Rahmen der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) preschen Versicherer mit neuen Konzepten voran. So kann bei der BU gegen einen kleinen Mehrbeitrag vereinbart werden, dass im Falle der Pflegebedürftigkeit eine zusätzliche lebenslange Pflegerente in Höhe der versicherten Berufsunfähigkeitsrente gezahlt wird. Wird der Versicherte während der Laufzeit der BU nicht zum Pflegefall, kann zum Ablauf der Versicherungsdauer eine Anschluss-Pflegeversicherung ohne erneute Gesundheitsprüfung abgeschlossen werden. Andere Anbieter bieten zumindest eine lebenslange Rentenzahlung an, wenn der Pflegefall bis zu einem bestimmten Alter eintritt, beispielsweise bis zum 45. Lebensjahr.

Welche Tarife bieten am meisten?
Als Anbieter unabhängiger Produktbewertungen hat ascore Das Scoring Tarife zum Pflege-Schutz sowie Produkte mit Pflege-Optionen untersucht. In die Bewertung sind sämtliche Produktaspekte eingeflossen, die für den Kunden von Bedeutung sind. Die am besten bewerteten Tarife, die Schutz im Pflegefall bieten, sind aufgeführt.

Erschienen in Cash. 08/2013 ;  Autor: Mirko Theine