Wir alle wissen, dass das Bedingungsniveau in der Berufsunfähigkeitsversicherung extrem hoch ist und schon seit Jahren lediglich Details in den Formulierungen den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Tarifkonzept ausmachen. Premium-Bausteine und -Klauseln haben in den letzten 15 Jahren deutlich zugenommen. So können, neben den gängigen Arbeitsunfähigkeits- oder Infektionsklauseln, auch Leistungen für schwere Krankheiten, Unfälle oder Grundfähigkeiten eingeschlossen werden. Doch die Zusatzleistungen verändern natürlich auch die Kalkulation der Versicherungen und der Kunde muss dafür einen entsprechend höheren Beitrag zahlen.

Ein Trend, der inzwischen auch andere Tarifbereiche erfasst. So werden nun in den ersten Grundfähigkeitstarifen Leistungen wegen einer Krankschreibung, die mehr als sechs Monate besteht ausgezahlt oder die Infektionsklausel kann mitversichert werden. Mit der Zunahme an Extras und Optionen wird also auch am Konstrukt der „Grundfähigkeit“ gerüttelt. Denn anders als die BU sichert eine Grundfähigkeitsversicherung (GF) keineswegs die Arbeitskraft ab, sondern bestimmte körperliche Fähigkeiten wie Sehen, Greifen, Gehen oder Sprechen. Ob der Versicherte nach einem Unfall oder einer Krankheit weiterarbeiten kann oder nicht, spielt keine Rolle. Es kommt einzig und allein darauf an, ob die versicherte Fähigkeit verloren gegangen ist. Ein großer Vorteil der GF und gleichzeitig der Grund, warum sie im Vergleich zur BU günstiger ist, ist der Ausschluss der Psyche. Laut aktuellen Studien leidet knapp jede dritte Person, die berufsunfähig wird, etwa unter Depressionen, Burnout oder anderen psychischen Problemen. Also mit großem Abstand der häufigste Grund, warum Menschen berufsunfähig werden. Hohes Risiko, bedeutet hohe Kalkulation und hohe Beiträge. Und genau dies ist jetzt das Problem in der GF mit dem Baustein Arbeitsunfähigkeits-Klausel (AU). In der AU-Klausel wird nämlich nicht unterschieden, aus welchen Gründen die versicherte Person eine Krankmeldung bekommt. Dies bedeutet, dass das große Risiko Psyche eben indirekt über die AU-Klausel in der Kalkulation doch eine wichtige Rolle einnimmt und die Beiträge deutlich steigen lässt. Die Grundfähigkeitsversicherung sollte auf keinen Fall am Markt als eine ‚abgespeckte BU‘ verkauft werden, denn hier werden einfach dann durch die verschiedene Absicherung Äpfel mit Birnen verglichen.

Auch in der Risikolebensversicherung können wir diesen Trend erkennen. Hier werden auch Leistungen angeboten, die weit über die eigentliche Kernleistung, den Todesfallschutz, hinausgehen. Auch hier geht es vielen Produktdesignern nicht darum, Flexibilitäten, Weiter- oder Nachversicherungsmöglichkeiten aus den Tarifen zu streichen, sondern eher um ein bisweilen unnötiges „Aufpeppen“ des eigentlich benötigten Leistungsumfangs. So können zum Beispiel Sofortleistungen bei Krebs, Schlaganfall oder Herzinfarkt vereinbart werden. Doch ein Glück führt nicht jede Krebserkrankung, jeder Schlaganfall oder Herzinfarkt zum Tod der Person, welches ja das eigentliche Risiko darstellt. Auch hier wir der frühere Leistungseintritt auf den Kunden umgelegt.

Natürlich ist der Markt stark umkämpft und die Versicherer sind gezwungen, sich von anderen Gesellschaften durch Innovationen oder neuen Ideen am Markt abzuheben, aber es ist wichtig, nicht den Grundgedanken der jeweiligen Versicherung aus den Augen zu verlieren. Daher sind wir der Meinung, dass der Fokus wieder mehr auf den grundlegen Zweck der Versicherung gelegt werden soll. Auch aus dem Vertrieb hören wir immer wieder: „Manchmal ist weniger eben doch mehr!“ Je einfacher und verständlicher die Produkte strukturiert sind, umso mehr Kunden vertrauen diesen Produkten.